ich, und meine buchstaben hatten das große glück noch auf einer schiefertafel die ersten bekanntschaften auszutauschen. da enstanden sie unter meinen ungelenken fingern, noch auf wackeligen füßen, wir lachten uns an, plauderten ein wenig und immer rechtzeitig, bevor 'der ernst des lebens' begann, verhalf mein feuchter schwamm oder auch mal mein trockener ärmel (ich möcht mich noch heute bei ihnen für diese rauhe behandlung entschuldigen) ihnen zur flucht vor der ewigen verdammnis eines stillstehenden lebens.

dann aber sollten wir schüler lernen, wofür das geschriebene wort steht. für dauerhaftigkeit und beständigkeit, für zuverlässigkeit und jederzeitige erreichbarkeit dessen, was ihnen aufgetragen wurde uns zu erzählen.

der erste füllfederhalter. ein gemeinsames erlebnis mit meinen eltern, um im schreibwarenladen um die ecke einen brause-schulfüller und ein kleines blaues tintenfäßchen, marke pelikan, zu kaufen.

also ein schreibgerät, mit dem wir noch alles machen konnten, wie eintrocknen lassen als entschuldigung des nicht-schreibens-könnens, mit dem drehkolben tinte auf der zunge auslaufen lassen, um endlich mal wieder von den mädchen ob des mutes bewundert werden zu können, löschpapiertropfen erzeugen, um der wunderbaren sternförmigen ausbreitung hinterher zu schauen - und, ach ja, schreiben natürlich auch.

aber damit begann das desaster!

ich mußte erkennen, daß sich die so von mir auf das papier aufgelgten, nein, eben nicht mehr 'aufgelegt' wie auf der tafel, sondern eingetränkt in das papier, miteinander bis in die kleinsten pooren des papieres verflochtenen buchstaben nun unrettbar dazu verbannt waren, an dieser stelle zu verharren, ob sie nun wollten oder nicht.

so staunte ich, als ich nach jahrzehnten alte hefte aus dieser zeit gefunden habe, wie sie dort noch immer standen, einige waren immer noch fröhlich und winkten, aber viele, viele andere waren müde geworden, waren enttäuscht, nicht mehr im einklang mit meiner erinnerung zu sein, aber dennoch standen sie treu an ihrem platz.

aber, da gab es eine gruppe von buchstaben die von anbeginn auf ihrer freiheit bestanden, sich gar nicht so leicht wie ihre so andersartigen mitstaben zwingen lassen wollten, ein festgebundenes leben zu führen.

das waren die großbuchstaben.

sie liefen ständig zwischen meinen fingern hin und her und ich zermarterte mir den kopf, wie ich sie denn nur einfangen könnte, sie an ihren gerechten und richtigen platz setzen könnte. um es vorweg zunehmen: es gelang mir nie vollständig. es ist zu heftigen kämpfen zwischen den großen und den kleinen gekommen. da setzte ich meinen brause füllfederhalter an - und im letzten moment hat es der große doch noch fertiggebracht, seinen korrespondierenden kleinen herbeizuzuerren, aber, wenn der es rechtzeitig geahnt hat, dann mußte auch schon mal ein wildfremder den geplanten platz einnehmen.

meine lehrerin war einfach blind, diese wüsten kämpfe nicht zu sehen, was soll ich sagen, pech für mich - oder doch eher pech für sie?

aber, am ende war sie die stärkere und ich versuchte, mich mit dieser rohen gewalt zu arrangieren, ja, indem ich nichts anderes tat als sie, ich versuchte meine großbuchstaben zu zwingen, an ihren platz zu gehen und dort zu verweilen.

was meine großen dazu getrieben hat, sich dermaßen außer rand und band zu verhalten, ja davon hatte ich damals natürlich keine ahnung - und wie getippt, meine lehrerin auch nicht.

es hat dann ja auch geklappt, ich bin immer weiter auf der schule des lebens und der anderen weiter nach oben geklettert und ich gedachte nicht mehr der probleme mit meinen großbuchstaben.

bis eines tages das ungeheuerliche geschah:

mein vater schenkte mir eine schreibmaschine, eine olivetti lettera DL.

ich sah es sehr pragmatisch und vernüfntig, ging in einen laden und kaufte mir ein buch: 'zehnfinger tippen leicht gemacht' und begann zu üben.

und es ging wunderbar, sicher eine der vernünftigsten lehrungen meines lebens.

bis ich dann in kapitel zehn auf die 'umschalttaste' stieß, die taste die versucht großbuchstaben in eine immerwährende einsamkeit zu hämmern, viel heftiger als es ein füllfederhalter jemals kann. die einsamkeit der leere vor sich und hinter sich ein kleiner, und er mußte sich wirklich immer sehr groß machen, um irgendwo weit in der ferne den nächsten seiner gattung zu entdecken.

und sofort begannen sie wieder aufgeschreckt und wie wild, zwischen meinen fingern umherzulaufen, suchten ständig zu entkommen oder versammelten sich in gruppen, um der einsamkeit zu entgehen. unglaublich, wie sie es immer wieder fertigbrachten, daß sich sogar die stangen ihrer matritzen verfingen, um ja nicht in dem papier einzuschlagen.

mittlerweile war ich aber alt genug, um mich auf den weg eines lösungsversuches zu begeben, das tippen auf der schreibmaschine lernte ich ja freiwillig und keine lehrerin konnte mich zwingen, nicht meine eigenen erfahrungen zu machen - und dafür ist es immer hilfreich nach den ursachen zu forschen.

dabei kam mir das schriftbild eines mir sehr vertrauten menschen zur hilfe, die nicht einer not gehorchend, sondern spielerisch mit buchstaben und kleinen, schnell mal dahingekritzelten freundlichen bildchen nur so um sich warf.

und da standen über weite strecken plötzlich lauter kleine buchstaben nebeneinander, keine großen waren zu sehen. ich versuchte es ebenso, nicht nur auf der schreibmaschine die 'umschalttaste' zu meiden, sondern auch beim führen eines stiftes den großen ihre freiheit zu lassen, die sie offenbar doch schon immer gewollt hatten.

welch entspanntes leben war das auf einmal, alles war leicht und freundlich.

ich schaute mir die unterschiedlichen bilder an und langsam fiel es mir wie schuppen von den augen. jetzt erkannte ich, wie sehr meine großen die freiheit liebten, sie waren nicht bereit ihre ganze aufmerksamkeit dem stehen in reih und glied zu widmen, ihre ganze aufmerksamkeit ihrer ewigen führungsrolle zu widmen den folgenden kleinen voranzugehen. sie wollten nichts besonderes sein, sich nicht auf eine bestimmte position festnageln lassen, sondern gleichgestellt wie alle anderen ihr ganz normales leben leben.

dAS saH AbEr nun gaNz kOmIsch auS und machte mir noch viel mehr probleme, mit meiner umwelt nicht in konflikt zu kommen. nun, meine kleinschreiberei brachte mir den ruf eines etwas merkwürdigen ein, aber damit kam ich zurecht, doch die völlige gleichheit, freiheit und brüderlichkeit konnte ich meinen buchstaben nun doch nicht gewähren, das gebot mir mein selbstschutz.

und so ging ich mit meinen buchstaben ein vereinbarung ein: überall wo es mir möglich erscheint, lasse ich ihnen ihre freiheit und zwinge sie nicht, ein einsames leben in ungewollten führungsrollen zu fristen. womit sie kein problem haben, ist im gemeinsamen auftritt wie zum beispiel bei meiner erwähnten schreibmaschine der olivetti lettera DL. hier können sie bauch an rücken schubbernd, sich lästerhaft über ihre nachbarn hermachen, aber eben gemeinsam.

und da, wo ich nur auf unverständnis stoßen würde, erlaubten sie mir, sie wie von meiner blinden umwelt erwartet (ich erinnere an meine lehrerin) zu benutzen.

aber, seitdem stehe ich tief in ihrere schuld und es brachte mir manch schlaflose nacht ein.

und jetzt die erlösung:

da werde ich im internet auf das buchstabenasyl hingewiesen. ja, darauf hätte ich doch schon früher selber kommen können. in einer welt, in der es sogar kinderklappen gibt wird es doch wohl auch eine buchstabenklappe geben? dabei will ich ja meine großen gar nicht anonym verbannen, irgendwie habe ich sie doch alle lieb, aber ich will ihnen schon ihre wirkliche freiheit schenken können und sie nicht nur irgendwo unter meinen fingern verstecken.

jetzt gebe ich sie also ins buchstabenasyl, dort können sie es sich gut gehen lassen, schauen sie sich an wie glücklich sie dort sind (http://buchstabenasyl.de/index.php?p=in) und immer, wenn ich dann doch mal einen benötige, frage ich dort höflich an und adoptiere ihn, meinen so ungeachteten und verkannten großen.

nachsatz:

sie kommen jetzt auf die idee zu denken: na, das ist doch eher die fehlende aufmerksamkeit des schreibers. der hat in der schule schlicht und einfach nicht aufgepaßt und war mit seinen gedanken ganz woanders, nur nicht dabei, wie die buchstaben zu ordnen sind.

ach ja, ich kann es denen nicht verdenken, haben sie doch anscheinend noch nie die eigenwilligkeit, die selbstständigkeit von buchstaben erlebt und verweigern ihnen so ihr eigenes dasein.

haben sie noch nie erlebt wie sich die buchstaben irgendwo zwischen kopf und tastatur leise tuschelnd zu schlangen aufstellen, um ganz von alleine auf dem bildschirm zu erscheinen, ohne daß der tastaturbediener - also ich - irgendetwas merkt, ja, nicht einmal weiß, was diese schlangen mir dort sagen wollen?

und dann, nach einer weile sitze ich da und lese, was angeblich ich im vollen bewußtsein meines daseins soeben getippt haben soll.

ihr armen, versucht es doch einmal, ich bin unendlich dankbar dafür.


horst siegert (text und musik)

eine seltene literale erkrankung der schriftsetzung, aber doch viel häufiger als erwartet und nicht erkannt - und damit verkannt.
(und, endlich kann ich wieder ruhig schlafen - oder, meine wertschätzung für das buchstabenasyl (www.buchstabenasyl.de).

wenn sie den großen eine freude machen wollen, dann spielen sie ihnen ihre musik vor.